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CD-Rezension der Zeitschrift "Das Orchester"

In Erweiterung des konventionellen, meist klassischen Original-Repertoires für seine Besetzung veröffentlichte das Bläserquintett der Staatskapelle Berlin eine CD mit Bearbeitungen bekannter Werke der Spätromantik und des Impressionismus. Zwei der drei eingespielten Tonschöpfungen sind ursprünglich für Klavier entstanden und wurden vom jeweiligen Komponisten selbst für Orchester bearbeitet. Das Arrangement für Bläserquintett rechtfertigt sich also für die sechs Stücke aus Jeux d’enfants von Georges Bizet und die vier Sätze aus Maurice Ravels Le Tombeau de Couperin schon durch die Historie der Werke.
Bemerkenswert ist allerdings, dass Mason Jones bei Letzterem eben nicht die vier Sätze zur Bearbeitung auswählte, die Ravel arrangierte: Statt der Forlane entschied sich Jones für die Fugue. Und Heribert Breuer, Leiter der Berliner Bachakademie und bewährter Arrangeur, schrieb den fünf Musikern kürzlich für ein Kinderkonzert die gelungenen Jeux-Bearbeitungen. So liegen in der Einspielung zehn pointierte Sätze vor, die in Form und Stimmung eine reiche Palette der zeittypischen Ausdrucksmöglichkeiten widerspiegeln.
Das ist freilich eine große Herausforderung für die Interpreten. Doch hier bewährt sich das langjährige Zusammenspiel der Ensemblemitglieder, die einerseits durch gemeinsamen Dienst in einem der führenden deutschen Orchester, andererseits durch vielfältige gemeinsame Kammermusikerfahrung zu einem homogenen Klangkörper zusammengewachsen sind. Spritzig und voller Lebendigkeit sprudeln Bizets Toupie, Trompette und Bal sowie Bizets Rigaudon; voll dichter Klangschönheit werden Berceuse, Nocturne und das berühmte Menuet dargeboten.
Fraglos den größten Eindruck auf dieser CD macht aber das „Amerikanische Streichquartett“ von Antonín Dvorák in der Bearbeitung von David Walter. Das vermeintlich Unmögliche gelingt hier: die Umsetzung eines ursprünglich für vier Streichinstrumente konzipierten Meisterwerks durch fünf Blasinstrumente wirkt absolut überzeugend. Die oft großflächig angelegten Begleitfiguren aus wabernden Tremoloketten wirken in der Interpretation durch Thomas Beyer, Gregor Witt, Heiner Schindler, Axel Grüner und Ingo Reuter unaufdringlich und bilden doch einen dichten, sonoren Klangteppich, über dem dann die Kollegen lyrische Kantilenen oder rasante Girlanden entfalten können. Dabei wird die Führungsrolle im Ensemble immer wieder neu zugewiesen. In wechselnden Kombinationen finden sich zwei oder drei Musiker zu in schönster Einheitlichkeit ausgeführten Accompagnements zusammen – und im nächsten Augenblick schnellt eine der Stimmen aus dieser wunderbar homogenen Klanggruppe zu solistischem Spiel empor. Das alles freilich unter einem gut durchdachten musikalischen Ausdrucksbogen. Die technischen Bemühungen der Ensemblemitglieder dienen in jedem der charakteristisch unterschiedlichen Werke, ganz besonders aber im Dvorák-Quartett, einer geistreichen musikalischen Aussage.
Bernd Distelkamp

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