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Schoeck, Othmar

Othmar Schoeck wurde am 1. September 1886 in Brunnen, einem Dorf am Vierwaldstättersee, geboren. Nach Studien am Zürcher Konservatorium sowie in Leipzig bei Max Reger liess sich Schoeck in Zürich nieder, wo er bis zu seinem Tode 1957 wohnte. Neben seiner kompositorischen Tätigkeit wirkte er als Klavierbegleiter sowie als Dirigent. Von 1917 bis zu einem Herzinfarkt 1944 leitete er die Sinfoniekonzerte in St. Gallen in der Ostschweiz.

Zu Schoecks Oeuvre gehören acht Opern, von denen Venus (1919-1921), Massimilla Doni (1934-36) und vor allem Penthesilea (1923-27) seit den 1980er Jahren mehrere erfolgreiche Neuinszenierungen erlebt haben und die heute auch auf CD erhältlich sind. Schoeck ist jedoch hauptsächlich als Vertreter der deutschen Liedtradition bekannt. Das Rückgrat seines Schaffens bilden mehr als dreihundert Lieder für Gesang und Klavier, die er über einen Zeitraum von fast sechzig Jahren komponierte. Instrumentalmusik hat er nur wenig komponiert - sogar sein Oeuvre für Klavier ist erstaunlich klein, obwohl er selber Pianist war. Das Instrument, das ihn am ehesten faszinierte, - zumindest in seinen Jugendjahren -, war wohl die Violine.

Das früheste Instrumentalwerk Schoecks, das er in späteren Jahren noch anerkannte und veröffentlichen liess, war die Violinsonate o.Op.Nr. 22 in D-Dur. Er hat sie 1905 komponiert - nur einige Monate nach seinem Studienanfang am Zürcher Konservatorium - und sie war zugleich seine erste gewichtigere Auseinandersetzung mit absoluter Musik. Ist sie auch nicht so persönlich im Ton wie die Lieder, die Schoeck um diese Zeit komponierte, so ist sie doch von einer reizenden jugendlichen Frische und melodiösen Unbekümmertheit. Ihre Uraufführung fand am 28. Oktober 1908 in Thun statt, und zwar beim allerersten Schoeck-Konzert überhaupt, von Schoecks Jugendfreund, dem Thuner Musikdirektor August Oetiker organisiert. Es spielte Hans Kötscher, Konzertmeister des Basler Sinfonieorchesters, begleitet vom Komponisten. Über vierzig Jahre später, Anfang 1952, entschied sich Schoeck, diese frühe Sonate zu revidieren. Er machte den Klavierpart einiges transparenter, retouchierte hie und da die Harmonik und nahm auch Kürzungen vor. Diese Neufassung wurde am 6. März 1954 in Zürich von Stefi Geyer in Begleitung von Walter Frey erstmals aufgeführt. Sie wurde dann 1956 als Gabe des Kantons Zürich zu Schoecks 70. Geburtstag herausgegeben. Die Erstfassung hingegen, welche sich heute in Stefi Geyers Nachlass in der Zentralbibliothek Zürich befindet, ist offenbar seit 1908 nicht mehr öffentlich gespielt worden und wird hiermit zum erstenmal aufgenommen.

Es war auch im Jahr der Komposition jener frühen Sonate, als Schoeck erstmals die ungarische Violinistin Stefi Geyer (1888-1956) - damals ein umjubeltes Wunderkind - in einem Konzert hörte. Da die Sonate allem Anschein nach im Sommer 1905 entstand, während Stefi erst im Herbst in Zürich auftrat, hat sie den Einfall dazu kaum auslösen können. Aber sie hat Schoeck auf jeden Fall, wie er zwei Jahre später schrieb, „schon [damals] bis ins Innerste begeistert". Als er sie Ende 1907 in Leipzig wieder hörte, wuchs diese Begeisterung. „Letzthin war mein Schwarm, die feine Stefi Geyer hier; sie spielte wundervoll und hat mich mehr denn je entzückt", schrieb er seinen Eltern am 5. Dezember. Im darauffolgenden Juli lernte er sie nun endlich kennen, als sie wieder in Zürich auftrat. Fünfzig Jahre später erinnerte er sich im Gespräch mit seinem Freund Werner Vogel: „Es war kein Wunder, wenn man sich in sie verliebte. Sie war ein hübsches, anmutiges Mädchen, das sich so schön zu bewegen wusste und das so schön zu gehen verstand". Knapp zwei Wochen nach Anfang der näheren Bekanntschaft komponierte Schoeck ein Albumblatt für Violine und Klavier (o.Op.Nr. 70), das er Stefi widmete, und welches er mit ihr uraufführte, als sie miteinander eine kleine Konzerttournee in der Innerschweiz durchführten. Es ist noch nie gedruckt worden und wird hier zum erstenmal aufgenommen. Um die Jahreswende 1908/1909 entstand die Violinsonate op. 16, dann 1911/12 das Violinkonzert (Quasi una Fantasia) op. 21, allesamt Stefi Geyer gewidmet. Viele Jahre später behauptete Schoeck, er und Stefi hätten sich „rasende Liebesbriefe" geschrieben, dass aber ihr physischer Kontakt sich auf einen einzigen Kuss beschränkt habe, denn ihr Körper sei wie „von einem Erzpanzer umhüllt gewesen". Auch sei Stefi überhaupt die einzige Frau gewesen, die seinem Charme nicht erlegen sei. Zu dieser Zeit verlobte sich Stefi mit einem Wiener Juristen namens Erwin Jung (ein „verlebter, modenarriger Wienerstrizzi" nannte ihn Schoeck), den sie auch bald heiratete.

Wie bei der Sonate o.Op. Nr. 22 merkt man in der Sonate op. 16 sofort den Liedkomponisten Schoeck, ist sie doch auch sehr lyrisch im Charakter. Allerdings weist die spätere Sonate formell wie auch harmonisch grosse Fortschritte im Vergleich zur früheren auf. Wie mehrere seiner Werke, die in der Zeit nach seinem Studium bei Reger entstanden sind, zeigt Schoecks Sonate op. 16 ein geschärfteres Bewusstsein für die Möglichkeiten des Kontrapunkts. Im letzten Satz wird sogar ein Kanon verwendet, wie übrigens in dem Lied Peregrina II, das Schoeck auch um diese Zeit komponierte. Dieses Lied wird sogar - wenn auch eher indirekt - im zweiten Satz zitiert. Dies ist kein Zufall, denn nach der Überlieferung widerspiegelt es Schoecks seelische Verfassung, als er von Stefi zurückgewiesen wurde. Die Sonate nannte er sogar privat die Hiobs-Sonate, vermutlich aufgrund der Drangsale, die er meinte, wegen Stefi durchleiden zu müssen. Dass sein Leiden längst nicht fertig war, bestätigt ein in zwei Stücke zerrissener Entwurf zum Violinkonzert, zwei Jahre später angefangen, welcher die Worte „Die chaibe Stefi!" („Die verflixte Stefi!") trägt. Stefi Geyers erster Mann ist während der Grippewelle nach dem Ersten Weltkrieg gestorben. Wenig später heiratete sie einen jungen Zürcher Musiker namens Walter Schulthess, der zu jener Zeit in Wien tätig war. Als die beiden nachher ihren Wohnsitz in Zürich nahmen, kam Stefi wieder in regelmässigen Kontakt mit Schoeck und etablierte ihre Freundschaft auf rein platonische Basis. So kam es auch, dass er Stefi 1954 mit der Uraufführung der Neufassung der frühen Violinsonate o.Op.Nr. 22 betraute.

Mehrere Vokalwerke Schoecks aus den 1920er und 1930er Jahren sind Zeugnis seines Strebens, Techniken der Instrumental- und Vokalmusik zu verbinden (Ähnliches ist übrigens zu jener Zeit im Oeuvre Alban Bergs zu beobachten). Manchmal erwecken Schoecks Instrumentalwerke den Eindruck, dass er zuerst dort Neues ausprobieren wollte, bevor er sich dem ihm wichtigeren Bereich der Vokalmusik wieder zuwandte. So hat er z.B. mit Elementen der zyklischen Formgestaltung, die er im Liederzyklus Wandersprüche (1928) verwendet, wenige Zeit zuvor in der Bassklarinettensonate experimentiert. Die Violinsonate op. 46, woran Schoeck vom Sommer bis zum Herbst 1931 arbeitete, deshalb zur „Studie" zum kurz darauf begonnenen Liederzyklus Notturno abzustempeln, wäre zwar eine Entstellung der Wahrheit, aber starke Ähnlichkeiten beider Werke sowohl in der Melodik als auch in der Stimmführung sind nicht zu leugnen. (Man könnte allerdings genauso gut die Anfangstakte der Violinsonate op. 46 als eine Variation des Anfangs vom Liederzyklus Wanderung im Gebirge betrachten, den Schoeck ein Jahr zuvor komponiert hatte.)

Diese Sonate - wie die anderen beiden auf dieser CD - ist in drei Sätzen konzipiert, allerdings ist hier im Gegensatz zu den andern der zweite Satz ein Scherzo. Und wie bei der mehr als zwei Jahrzehnte zuvor komponierten Sonate op. 16, wurde die Uraufführung Willem de Boer anvertraut. Diese fand am 3. März 1932 statt; Schoeck begleitete selber am Klavier. Im Vergleich zu den anderen Violinsonaten Schoecks ist diese im Stil eher spröde und linear, der romantische Geist ist jenem einer vorsichtigen Neoklassik gewichen. Wohl aus diesem Grund hat diese Sonate nie die Popularität der Sonate op. 16 genossen, sie ist für die Interpreten wie für den Hörer weniger zugänglich. Wer sich aber bemüht, sich mit ihr auseinanderzusetzen, wird von ihrem melodischen und formalen Reichtum fasziniert sein.

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